30.10.2019
Jeder lügt so gut er kann
Alternativen für Wahrheitssucher
Harald Martenstein
Einer der bekanntesten deutschen Autoren und Zeit-Kolumnist Harald Martenstein war zu Gast in Perleberg und hat in der Aula des Gottfried-Arnold-Gymnasiums im Rahmen einer Lesung sein Buch „Jeder lügt so gut er kann“ vorstellen. Vor seiner Lesung stellte er Ergebnisse von Umfragen vor, die er misstrauisch interpretierte. Es kommt auf die Fragestellung an, und auf die Interessenlage derjenigen, die fragen. Manipulationen sind relativ einfach. Darin wurde deutlich, was, laut einer Umfrage, der überraschendste Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen ist.Auf die Frage zu seinem Buch – Sind (Not)Lügen notwendig? Antwortet Harald Martenstein: In gewissen Situation sind Lügen leider unumgänglich. Einer meiner Kollegen hat einmal ein paar Wochen lang immer nur ehrliche Antworten gegeben und am Ende ein Buch darüber geschrieben. Er war schnell sozial isoliert und seine Freundin wollte ihn verlassen. Wenn sein Chef ihn fragte, wie er dessen neueste Idee findet, sagte er einfach und klar, was er von dieser grauenhaften Idee hält. Wenn seine Freundin ihn fragte, wie er ihr neues, teures Kleid findet, sagte er, wie hässlich er es findet. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt erklärte einmal, Politiker dürften zwar nicht lügen, aber die ganze Wahrheit müssten sie auch nicht immer auf den Tisch legen. Schmidt war Pragmatiker.Martenstein las politische, private, abgründige und witzige Betrachtungen aus dem täglichen Leben, die er in seinen Kolumnen verarbeitet hat.Ein unterhaltsamer und kurzweiliger Abend begeisterte die 80 Besucher der Lesung.
13.11.2018
Neujahr
Juli Zeh
Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen – etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.Verlag: Lucherhand